Der älteste Traum der Menschheit hat ein Pitchdeck

Der Traum von ewiger Jugend füllt heute Labore, Produktregale und Pitchdecks. Longevity und AgeTech versprechen mehr gesunde Jahre und neue Möglichkeiten für ein längeres Leben. Doch welche Altersbilder stecken in diesen Angeboten und wer entscheidet, was wir in diesem Leben brauchen?
Aus der Suche nach ewiger Jugend ist ein Markt geworden
Seit Jahrtausenden suchen Menschen nach ewiger Jugend. Bei Göttern, in Jungbrunnen und im Heiligen Gral.
Heute wird dieser Traum in Laboren erforscht, in Start-ups zum Produkt und in Pitchdecks zum Geschäftsmodell.
Der Jungbrunnen hängt inzwischen am Handgelenk. Er misst Schlaf und Herzfrequenz. Dazu kommen Biomarker-Tests, Nahrungsergänzungsmittel und Programme, die berechnen, wie gut wir gerade altern. Oder wie schlecht.
Uns interessiert dabei vor allem, welche Vorstellungen vom Alter dieser Markt mitverkauft. Denn jede Idee für ein längeres Leben enthält auch eine Idee davon, wie Menschen in diesem Leben sind und sein sollen. Solche Vorstellungen stecken in Forschungsfragen, Datensätzen, Benutzeroberflächen, Geschäftsmodellen und Investitionsentscheidungen.
Und sie haben Folgen. Welche Probleme bekommen Aufmerksamkeit? Wer gilt als verletzlich, fit oder kaufkräftig? Wem wird etwas zugetraut? Wer darf mitentwickeln? Wer bekommt wann Zugang?
Die große Verheißung
Longevity ist Forschungsfeld, medizinische Hoffnung, Optimierungsprogramm, Lifestyle und Geschäftsmodell zugleich. Der Markt macht daraus Angebote. Check-ups, Supplement-Abos, Kältekammern, Infusionen, Biomarker-Tests und persönliche Optimierungsroutinen.
Schlaf bekommt einen Score. Essen wird zur Intervention. Bewegung liefert Daten. Blutwerte werden zum Dashboard. Das biologische Alter wird zur persönlichen Leistungskennzahl. Das Versprechen: mehr Jahre bei guter Gesundheit. Wer wollte das nicht?
Was davon hilft?
Was klingt nur gut?
Und wer kann es sich leisten?
Ein 2025 im Fachjournal Aging veröffentlichter Beitrag zu Longevity-Kliniken verweist auf hohe Preise, uneinheitliche Standards und begrenzte Evidenz für einen Teil der Verfahren.
An den Preisen lässt sich auch ablesen, für wen solche Angebote gemacht sind. Wer Zeit und Geld für regelmäßige Tests und persönliche Programme mitbringt, kann Kunde werden. Wer beides nicht hat, bekommt trotzdem den Auftrag, das eigene Altern besser zu managen.
Das lange Leben wird gefeiert.
Das sichtbare Alter bleibt verdächtig.
Bereits 2020 untersuchte die Wissenschaftlerin Kirsten L. Ellison die Sprache des Biohackings. Darin erscheint Altern als fehlerhaftes Programm, der alte Körper als veraltetes Betriebssystem. Das klingt nach Zukunft und trägt eine ziemlich alte Zuschreibung mit sich: Gut gealtert ist, wer möglichst lange leistungsfähig und „jugendlich“ wirkt.
So wird aus einer körperlichen Veränderung schnell ein persönlicher Mangel. Und aus der eigenen Gesundheit ein Projekt, bei dem man sich ständig fragen soll, ob man genug dafür tut.
Wer kann sich gesunde Jahre leisten?
„Leb gesünder“ ist schnell gesagt. Wer Schicht arbeitet, schlecht wohnt, körperlich belastet ist oder wochenlang auf einen Arzttermin wartet, hört diesen Satz vermutlich anders als jemand mit geregeltem Leben, Geld und einem personalisierten Longevity-Protokoll.
Denn auch Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung brauchen Bedingungen, unter denen sie möglich sind. Während die einen ihr biologisches Alter optimieren, versuchen die anderen erst einmal, durch den Alltag zu kommen. Trotzdem richtet sich der Appell zur Selbstoptimierung erst einmal pauschal an alle. Die Verantwortung wird verteilt, als wären die Voraussetzungen gleich.
Wer über gesunde Jahre spricht, muss auch darüber sprechen, unter welchen Bedingungen Menschen überhaupt die Chance darauf haben. Sonst wird aus ungleichen Lebensbedingungen schnell ein persönlicher Vorwurf.
AgeTech bringt Technologie ins längere Leben
Während Longevity uns dabei unterstützen möchte, länger gesund zu bleiben, entwickelt AgeTech Produkte und Dienste für dieses längere Leben. Dazu gehören digitale Dienste und Assistenzsysteme ebenso wie Sensoren, vernetzte Wohnungen und Roboter. KI lässt dabei immer mehr Systeme eigenständiger handeln.
Besonders groß sind die Erwartungen in der Pflege. Allein durch die demografische Alterung könnte die Zahl der pflegebedürftigen Menschen laut einer Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes von rund 5,0 Millionen Ende 2021 auf etwa 6,8 Millionen im Jahr 2055 steigen.
Welche Altersbilder stecken in AgeTech?
Unsere Altersbilder prägen, welche Probleme wir sehen und welche Lösungen wir entwickeln. Eine Auswertung von Ittay Mannheim und Kolleg:innen zeigt, welche Annahmen bei der Entwicklung digitaler Technologien für ältere Menschen eine Rolle gespielt haben. Das Team untersuchte 60 Studien aus den Jahren 2015 bis Anfang 2020.
– 86,7 Prozent der Anwendungen entstanden im Kontext von Gesundheit und Pflege.
– Nur 11,7 Prozent beschäftigten sich mit sozialen Aktivitäten und Freizeit.
– In 71,7 Prozent der Studien fanden die Forschenden veraltete Sprache, stereotype Kategorisierungen oder Designentscheidungen, die auf ageistischen Annahmen beruhten.
So bekam Alter in vielen dieser Entwicklungen eine bestimmte Rolle: Risiken reduzieren. Defizite kompensieren. Verhalten überwachen. Angehörige beruhigen. Wer vor allem als Risiko, Hilfsbedarf oder Sorge seiner Angehörigen gesehen wird, dessen Fähigkeiten, Wünsche und Entscheidungen geraten leicht aus dem Blick.
Seit den 2010er-Jahren gerät dieser enge Blick in der Forschung aber unter Druck. Eine Bestandsaufnahme von 2025 zeichnet diesen „critical turn“ nach: Autonomie, Unterschiede und konkrete Lebensrealitäten rücken stärker in den Blick. Gut so.
Wer gestaltet die Zukunft mit?
Die Mannheim-Review zeigt auch, wie weit Anspruch und Praxis auseinanderlagen. 85 Prozent der untersuchten Studien betonten die Bedeutung einer Beteiligung während des gesamten Entwicklungsprozesses. In 46,7 Prozent waren ältere Menschen an der Gestaltung und Entwicklung von Prototypen beteiligt. Nur 40 Prozent bezogen sie aber auch durchgehend ein.
Menschen wurden zwar befragt und testeten später Ergebnisse. An der Gestaltung dazwischen waren sie seltener beteiligt. Dort wird entschieden, welches Problem ein Produkt lösen soll und was es können muss. Wer erst beim Testen dazukommt, kann nur beurteilen, was andere bereits entworfen haben.
Stellen wir uns ein Assistenzsystem vor: Die Tochter kauft es, der Pflegedienst richtet es ein, eine Versicherung finanziert es. Das Gerät steht in der Wohnung des Vaters.
Das Start-up verkauft Sicherheit. Die Tochter sucht Beruhigung. Der Pflegedienst hofft auf Entlastung. Der Vater lebt mit dem Gerät und den Entscheidungen, die andere getroffen haben. Und mit dem Wissen, dass Daten über seinen Alltag weitergegeben werden.
Viele Perspektiven.
Ein Produkt.
Mehrere Interessen.
Eine Wohnung.
Wer Sicherheit verspricht, muss sagen, für wen. Was die Tochter beruhigt, kann für den Vater bedeuten, dass andere über seinen Alltag mitentscheiden. Wer hat aber festgelegt, welches Problem gelöst werden soll? Wer bestimmt, was gemessen wird und wer die Daten sehen darf? Das Gerät steht in seiner Wohnung. Er lebt damit. Also muss er von Anfang an mitentscheiden.
Muss ein Mensch erst zum Hilfsfall werden?
Oft kommt eine Technologie ja erst ins Haus, wenn andere ein Risiko sehen. Mit der Technologie zieht dann auch eine Botschaft ein: Jetzt brauchst du Hilfe. Das kann zum Stigma werden.
Wer eine Technologie erst in diesem Moment kennenlernt, hatte keine Gelegenheit, sie vorher auszuprobieren und selbst zu entscheiden, welche Rolle sie im eigenen Leben spielen soll. Uns sind in den letzten Jahren viele Lösungen begegnet, die ausdrücklich für „ältere Menschen“ entwickelt oder vermarktet werden. Dabei können einige davon in ganz unterschiedlichen, früheren Lebensphasen nützlich sein.
Und wer eine Technologie aus eigenem Interesse früher nutzt, kann sie ausprobieren, verstehen und Grenzen setzen: Was kann sie? Was weiß sie über mich? Was will ich ihr überlassen? So wachsen Wissen und Vertrauen. Und das Gefühl: Ich entscheide, welche Rolle diese Technik in meinem Leben spielt. Wenn sich später dann Bedürfnisse verändern, kann eine vertraute Technologie mitwachsen.
Vom Pitchdeck ins Leben
Im Pitchdeck stehen Versprechen: mehr gesunde Jahre, mehr Sicherheit, mehr Selbstbestimmung. Darin stecken Vorstellungen davon, was Menschen in einem längeren Leben brauchen und was ihnen zugetraut wird.
Daraus ergeben sich für uns vier Ansatzpunkte:
Prüft zuerst eure Annahmen über Alter. Nur so können Produkte und Services entstehen, die Menschen nicht kleiner machen und ihren Handlungsspielraum erweitern..
Nehmt unterschiedliche Lebensrealitäten ernst, bevor ihr Menschen pauschal auffordert, ihr Altern besser zu managen. Entwickelt Angebote, die zu ihrem Alltag und ihren Möglichkeiten passen.
Denkt AgeTech auch für die Jahre mit, in denen noch kein konkreter Hilfebedarf besteht. Das holt Technologie aus der Defizitecke. Menschen können sie früh kennenlernen und selbst entscheiden, welche Rolle sie in ihrem Leben spielen soll.
Lasst die Menschen, die später mit eurer Technologie leben, von Anfang an mitentscheiden, welches Problem überhaupt gelöst werden soll. Wer erst beim Testen gefragt wird, kann nur beurteilen, was andere bereits entworfen haben..
Was ist mit euren Altersbildern?
Das ist zu vage. Konkreter:
Ihr entwickelt Produkte, Services oder Kommunikation für ein längeres Leben? Mit Age Bombs unterstützen wir euch dabei, die Altersbilder und Zuschreibungen dahinter sichtbar zu machen und zu prüfen, wie sie prägen, was ihr entwickelt, wen ihr erreicht und wer Zugang zu euren Angeboten bekommt.
In Keynotes, Workshops und Labs öffnen wir den Blick für unterschiedliche Lebensrealitäten und entwickeln konkrete Ansätze für eure Arbeit. Meldet euch bei uns. Dann schauen wir gemeinsam, wo wir ansetzen können.