Wer Zukunft gestalten will, muss Gesellschaft neu lesen

KI-generiertes Foto

Die Kreativwirtschaft will Zukunft gestalten. Dafür muss sie genauer lesen, welche Gesellschaft gerade entsteht: demografisch älter, geprägt von längeren Leben, neuen Arbeitsweisen und Biografien in Bewegung.

Eine großer Anspruch

Der Zukunftsreport Kreativwirtschaft 2030, herausgegeben vom KreativBund, basiert auf 118 Zukunftsvisionen und formuliert einen großen Anspruch: Die Kreativwirtschaft soll Transformation nicht nur begleiten, sondern aktiv mitgestalten. Dieser Anspruch geht weit über ihre klassische Rolle als Dienstleisterin hinaus. Es geht um ihren Platz als gesellschaftliche Gestaltungskraft.

Und damit führt der Report zu einer entscheidenden Frage:

Welche Gesellschaft wollen wir eigentlich gestalten?

Menschen leben länger, arbeiten anders, lernen weiter, wechseln Rollen und starten mehrfach neu. Einst klar getrennte Lebensphasen überlagern sich. Bildung, Erwerbsarbeit und Ruhestand folgen immer seltener einer festen Reihenfolge.

Fazit: Die alte Ordnung aus Ausbildung, Karriere und Ruhestand trägt immer weniger.

Mit der wachsenden Lebenszeit und dem demografischen Wandel verändern sich auch die Anforderungen an Arbeit, Bildung, Technologie, Kultur, Stadtentwicklung und gesellschaftliche Teilhabe. Mehr Menschen erreichen ein höheres Alter, jüngere Jahrgänge werden kleiner und das Verhältnis zwischen den Altersgruppen verschiebt sich. Das verändert Arbeitsmärkte, soziale Sicherung, Konsum, Mobilität und die Frage, wie Verantwortung in unserer Gesellschaft verteilt wird. Ein längeres Leben braucht mehr Möglichkeiten für Übergänge, neue Anfänge und wechselnde Formen von Wirksamkeit.

Viele gesellschaftliche Strukturen und Angebote folgen jedoch weiterhin überholten Alterslogiken. Ihnen liegen feste Vorstellungen darüber zugrunde, was jemand in einem bestimmten Alter kann, braucht, will oder noch erreichen wird. Solche Annahmen prägen Bildungswege, Karriereentscheidungen, Produkte, öffentliche Räume, Technologien und kulturelle Angebote.

Eine größere Aufgabe für die Kreativwirtschaft

Für eine Kreativwirtschaft, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen will, entsteht daraus ein erweiterter Gestaltungsauftrag.

Es braucht neue Bilder davon, wie Menschen über ein längeres Leben hinweg lernen, arbeiten und sich entwickeln können. Es braucht Räume, in denen unterschiedliche körperliche Voraussetzungen, Tempi und Lebensrealitäten Platz finden. Es braucht Technologien, die Selbstständigkeit und Teilhabe in verschiedenen Lebensphasen stärken. Und es braucht Modelle für Zusammenarbeit, in denen Menschen ihre Erfahrungen, Fähigkeiten und Interessen immer wieder neu einbringen können.

Aus dieser Perspektive erhalten die drei zentralen Themenfelder des Zukunftsreports eine zusätzliche Dimension: künstliche Intelligenz, Cross Innovation und Vernetzung sowie die strukturellen Bedingungen kreativer Arbeit.

Diese Perspektive richtet den Blick auch auf die Branche selbst. Denn die Kreativwirtschaft entwickelt Bilder, Erzählungen und Angebote, die unser Verständnis von Alter und Zukunft mitprägen.

Wer über KI spricht, muss über Lebensphasen sprechen

Künstliche Intelligenz ist das meistdiskutierte Thema des Reports. Die Beiträge beschreiben KI als Werkzeug, Beschleuniger und mögliche Befreiung von repetitiven Aufgaben. Gleichzeitig geht es um bedrohte Tätigkeiten, veränderte Wertschöpfung und die Zukunft kreativer Arbeit.

Doch wer über die gesellschaftliche Wirkung von KI spricht, muss auch über Zugang, Weiterbildung und digitale Selbstbestimmung in unterschiedlichen Lebensphasen sprechen.

Wer kann neue Systeme nutzen und mitgestalten? Für wen werden sie entwickelt? Welche Fähigkeiten setzen sie voraus? Und welches Bild ihrer Nutzer:innen ist in ihnen angelegt?

Digitale Kompetenz, technologische Neugier und Lernfähigkeit lassen sich keinem Alter eindeutig zuordnen. In der Praxis geschieht genau das trotzdem häufig. Jüngere Menschen gelten automatisch als digital versiert, ältere als zurückhaltend oder hilfsbedürftig. Diese Zuschreibungen finden ihren Weg in Produktentwicklung, Interfaces, Kommunikation und Weiterbildungsangebote.

So entstehen Technologien, die Menschen bereits durch ihre Gestaltung einordnen.

Die Kreativwirtschaft kann hier eine andere Perspektive einbringen. Sie kann Anwendungen entwickeln, die verschiedene Erfahrungen und Zugänge berücksichtigen. Sie kann komplexe Technologien verständlich und erprobbar machen. Sie kann Lernräume schaffen, in denen Jung und Alt gemeinsam entdecken, wie KI ihre Arbeit und ihr Leben verändern kann.

Digitale Selbstbestimmung wird damit zu einer Gestaltungsaufgabe über das gesamte Leben.

Wer über Cross Innovation spricht, muss Wissen neu verbinden

Der Zukunftsreport beschreibt Cross Innovation und Vernetzung als zentrale Voraussetzungen für die künftige Wirkung der Kreativwirtschaft. Verschiedene Branchen, Disziplinen und gesellschaftliche Bereiche sollen enger zusammenarbeiten. Kreative Kompetenzen sollen früher in Innovationsprozesse einfließen und neue Verbindungen zwischen Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft herstellen.

Dazu gehört auch die Frage, welche Menschen in diesen Prozessen zusammenkommen und welche Fähigkeiten ihnen zugetraut werden.

Wie verbinden wir langjährige Erfahrung mit neuem Wissen? Wie kommen technologische Neugier, Urteilskraft, Tempo, Kontextwissen und Experimentierfreude zusammen? Wie schaffen wir Teams, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten den Blick auf eine Aufgabe erweitern?

Altersdiversität wird wirksam, wenn Menschen unterschiedlichen Alters zusammenkommen, ihre Fähigkeiten zählen und sie unterschiedliche Rollen übernehmen können. Denn die vertraute Zuordnung von Aktualität und Tempo zu Jüngeren sowie Erfahrung und Stabilität zu Älteren reduziert Menschen auf erwartbare Beiträge.

Cross Innovation gewinnt an Kraft, wenn diese Erwartungen aufbrechen. Dann können Erfahrung und Experiment in einer Person zusammenkommen. Dann bringen Menschen neues Wissen ein, denen diese Rolle bisher niemand zugetraut hat. Und dann entstehen Verbindungen, die eine rein demografische Betrachtung kaum erkennen würde.

Wer über Strukturen spricht, muss längere Erwerbsbiografien mitdenken

Der Zukunftsreport zeigt deutlich, unter welchem strukturellen Druck viele Kreative arbeiten. Solo-Selbstständigkeit, unsichere Einkommen, kurzfristige Projektlogiken, Bürokratie und fehlende soziale Absicherung prägen große Teile der Branche. KI verändert zusätzlich Tätigkeiten, Budgets und Wertschöpfungsketten.

In einer Gesellschaft des längeren Lebens gewinnen diese Bedingungen weiter an Gewicht.

Wie kann kreative Arbeit über längere und beweglichere Erwerbsbiografien hinweg funktionieren? Welche Möglichkeiten gibt es für Weiterbildung, Rollenwechsel und einen späteren Einstieg? Und welche Modelle tragen durch Phasen von Care-Arbeit, Krankheit oder Neuorientierung?

Längere Arbeitsleben brauchen Strukturen, die Bewegung ermöglichen.

Dazu gehören Zugänge zu Weiterbildung in jeder Lebensphase, soziale Sicherung für wechselnde Erwerbsformen und Fördermodelle, die Potenzial nicht an geradlinigen Lebensläufen messen. Auch neue Formen der Zusammenarbeit können entstehen: altersdiverse Projektteams, Tandems, geteilte Verantwortungen und flexible Rollen, die sich im Verlauf eines Projekts verändern dürfen.

Eine zukunftsfähige Kreativwirtschaft braucht Bedingungen, unter denen Menschen über längere Zeit wirksam bleiben und mehrfach neu ansetzen können.

Wer Verantwortung übernimmt, muss die eigenen Altersbilder prüfen

Der Report verbindet die Zukunft der Kreativwirtschaft mit gesellschaftlicher Verantwortung. Kreative Impulse sollen Demokratie, Nachhaltigkeit, Stadtentwicklung, Bildung und soziale Gerechtigkeit voranbringen.

Diese Verantwortung beginnt auch bei den Bildern, die die Kreativwirtschaft selbst in die Welt setzt.

Wer verkörpert Zukunft in Kampagnen und Präsentationen? Wer wird in Innovationsgeschichten gezeigt? Welche Menschen tauchen in Personas, Moodboards und Zielgruppenbeschreibungen auf? Wem wird Neugier, Veränderungsbereitschaft, Attraktivität oder kulturelle Relevanz zugeschrieben?

Altersbedingte Zuschreibungen laufen an vielen Stellen mit: in Teams, Briefings, Ausschreibungen, Förderentscheidungen, Castings und Zielgruppenlogiken. Sie entscheiden mit darüber, wer sichtbar wird, wer eine Chance erhält und wer bereits im Entwurf verschwindet.

Dabei wirken Altersbilder in beide Richtungen. Junge Menschen werden auf Unerfahrenheit, Tempo oder Trendwissen reduziert. Ältere Menschen erscheinen als etabliert, vorsichtig, wohlhabend oder hilfsbedürftig. Die Vielfalt innerhalb eines Lebensalters bleibt unsichtbar.

Die Kreativwirtschaft besitzt die Mittel, diese Bilder zu verändern. Sie kann Alter als Bewegung erzählen. Sie kann Menschen zeigen, deren Entwicklung offenbleibt. Und sie kann Zukunft von der Vorstellung lösen, dass bestimmte Rollen, Fähigkeiten und Lebensentwürfe nur zu bestimmten Lebensjahren passen.

Eine solche Gestaltung beginnt mit konkreten Fragen:

Wer wird bisher übersehen? Welche Annahmen über Alter stecken in unseren Briefings? Welche Lebensläufe setzen wir voraus? Wer findet Zugang zu unseren Angeboten? Und welche Formen von Entwicklung lassen unsere Entwürfe zu?

Aus diesen Fragen können konkrete Veränderungen entstehen. In Produkten und Services, in Arbeitsprozessen, öffentlichen Räumen, Technologien, Kulturformaten und Kommunikation.

Die Gesellschaft gemeinsam denken

Der Zukunftsreport Kreativwirtschaft 2030 bietet einen starken Ausgangspunkt, um diese Fragen weiterzudenken. Er beschreibt eine Branche, die ihren gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch erkennt und ihren Platz in Transformationsprozessen einnehmen will.

Jetzt geht es um die Gesellschaft, für die diese Transformation stattfindet.

Die Fragen liegen auf dem Tisch: Welche Alterslogiken stecken in unseren Entwürfen? Wen haben wir bisher übersehen? Und was entsteht, wenn wir Gesellschaft neu lesen?

Wer Zukunft gestalten will, sollte genau hier anfangen.

Der Zukunftsreport basiert auf 118 Zukunftsvisionen, die beim German Creative Economy Summit 2026 gesammelt wurden. Die Beiträge wurden KI-gestützt analysiert und vom KreativBund redaktionell überarbeitet.

Hier geht es zum Zukunftsreport Kreativwirtschaft 2030.